Sioux

1997 oder 1998 (Irland) – 17.01.2014 (Kefaloniá)

 

 

    Als ich in der Zeit vor Weihnachten des Jahres 2000 unser Irisches Lokalblatt, den “Drogheda Independent”, aufschlug, fand ich dort eine ganze Anzeigenseite des örtlichen Tierheimes. Die unterschiedlichsten Hunde – auch einige Welpen – und Katzen suchten ein Zuhause und waren mit niedlichen Fotos und einigen Angaben abgebildet. Alle schauten sie in die Kamera, oder wenigstens konnte man ihr Gesicht und ihre Augen sehen. Nur eine wandte sich ab; am Schwanz konnte man sehen, sie wollte offensichtlich vor der Kamera fliehen, und nur eine ebenfalls im Foto sichtbare menschliche Hand hielt sie davon ab, konnte aber auch nicht verhindern, dass man das Gesicht nicht wirklich ausmachen konnte.

 

    Die Bildunterschrift lautete: „SIOUX – 3 Jahre alte Hündin, kastriert, Collie, ist ein Langzeitbewohner und würde sich über ein eigenes Zuhause freuen“.

 

    Ich mußte nicht zweimal hingucken, ich wußte sofort: Die gehört zu mir!

    Als wir uns das erste Mal begegneten, fiel mir zweierlei auf: Sie hatte Probleme, aber man konnte daran arbeiten; sie hatte eine gute Seele, und wir waren füreinander bestimmt. Am 7. Dezember 2000 bezogen wir unser neu angemietetes Haus in Laytown, und einen Tag später zog Sioux bei uns ein.

    Es war ein Glücksfall. Sie wurde zu meiner Seelenhündin. Sie wich niemals von meiner Seite, war immer bei mir und wußte sich doch zu benehmen. Sie ging nicht gerne in den Pub; da hatte sie mehr gesundes Gespür als so mancher Mensch. Jeder kannte uns nur als Paar. Lief ich mal alleine durch die Straßen des Ortes, dann wurde ich gleich gefragt, was denn mit Sioux sei ...

    Wir hatten ein gutes Miteinander in Laytown, und noch in relativ hohem Alter bekam ihr Leben sogar Europäische Dimensionen. 2010 begleitete sie mich auf großer Umzugsfahrt von Irland nach Griechenland. Das war eine Tour von 123 Stunden über ca. 3400 km von einem Ende Europas ans entgegengesetzte ...

    Bei unserer Ausfahrt sah sie Donnerwolken in Dublin, Wind in Wales und Nebel in Newcastle; sie lief durch Londoner Vorort-Parks, sah Dover und Calais, rastete nahe Reims in Frankreich, unterquerte die Alpen, bellte im Italienischen Brindisi, bewährte sich als geduldiger und sauberer Schiffshund während einer 20-stündigen Überfahrt und hatte danach eine endlos scheinende Pinkelpause in Patras.

    Sie war die beste Gefährtin, die man sich wünschen konnte. Auch in den verbleibenden reichlich drei Jahren in Spartiá kannte man uns nur zusammen. Auch hier kam, war ich einmal solo, immer die Nachfrage, wo denn mein Hund sei ...

    Ihre anfänglichen Verhaltensprobleme hatte sie schon während der ersten Jahre in Laytown abgelegt. Zeit ihres Lebens aber war ihr das Autofahren etwas suspekt, und fotografieren lassen wollte sie sich nie gerne. Dennoch genoß sie die Strände von Kefaloniá und den Ausblick aus dem Autofenster von der Panoramastraße auf die Bucht von Argostóli.

    Wer sagt eigentlich, ein alter Hund lerne keine neuen Tricks? Sioux war bis ins Alter sehr lernfähig. In ihrem letzten Lebensabschnitt in Spartiá kümmerte sich eine meiner Katzen rührend um sie, wenn es ihr nicht gut ging; und Sioux, die ehemalige Katzenhasserin, konnte nach einigem Erstaunen akzeptieren, daß Sheila fortan zum abendlichen Spazierganz mitkam und ihr ununterbrochen ihr Zuneigung signalisierte, indem sie sich anschmiegte und ihren seidigen Schwanz um ihre Beine gleiten ließ.

Und mindestens einmal sah Sioux einen Geist.

    Man sagt, Hunde leben in Griechenland nicht lange. Meine Irische Hündin bewies das Gegenteil. Gegen Ende, etwa 15-jährig, hatte sie innerhalb von 8 Monaten mehrere Anfälle von Vestibular-Syndrom, eine Art Schlaganfall im Ohr. Aber auch die zwangen sie nicht in die Knie. Nach dem zweiten Anfall stand sie relativ schnell wieder sicher auf ihren Pfoten und erlebte nochmal eine fast normale Zeit von etwa vier Monaten. Noch nach dem dritten, als sie schon sehr abgebaut hatte und kaum noch laufen konnte, ließ sie sich nicht unterkriegen. An Tag 6 ihrer schweren Krankheit wollte sie – trotz Wackelgang, schiefem Kopf und wenig Kraft – partout `raus auf die Straße. Der Garten reichte ihr nicht. Als sie mich ihr Halfter nehmen sah, bellte sie freudig. Ich wollte mit ihr nur ein paar Schritte gehen, aber sie ging, langsam, immer weiter. An der nächsten Ecke wollte ich ernsthaft umkehren, sie jedoch stemmte sich mit aller Wucht dagegen und bestand auf "ihrer" Tour, wie sie es kannte. Also: Schrittchen, Tippelchen, Pause, weiter ... – bis wir einmal `rum waren. Unterwegs wurden sogar wieder Lieblingsfeindinnen an- bzw. ausgebellt. Da nach vielen Regentagen endlich die Sonne schien, genoß Sioux den Gang sichtlich. Alles wurde aus- und abgeschnuffelt.

    Für uns machte sie das zu einer kleinen Heldin. Wie ihr Name suggeriert: Ein(e) Indianer(in) kennt keinen Schmerz! Und sie bestimmte, was sie noch tun wollte. Für mich hat Sioux damit alle von Außenstehenden gestellten, negativen Prognosen über ihr Leben und ihren Tod besiegt. Sie lebte so lange, wie sie wollte!

    Mich, die ich immer in Eile bin, lehrte sie damit endlich, ganz praktisch und radikal, den Wert der Langsamkeit, die Schönheit des Augenblicks und ein tiefes Vertrauen in den Lauf der Dinge, auch wenn wir deren Sinn nicht immer – eigentlich in den allerwenigsten Fällen – durchschauen. Mir gab das trotz aller Abschiedstraurigkeit ein enormes Gefühl der Befreiung und der inneren Ruhe – eine Zuwaage an Glück. Dieses Glück dauerte noch ein ganzes Jahr, und in gewisser Weise war es das schönste, intensivste Jahr von allen!

    Als sie dann mit mehr als 16 Jahren wirklich ging, fiel mir auf, daß ich – sicher nicht ganz unbewußt – für dieses gerade begonnene Jahr einen Kalender mit einem von Laurel Burch gestalteten Einband gewählt hatte. Es zeigt eine Frau mit Tränen im Gesicht. Unbemerkt aber war mir das kleine, an der Seite eingeprägte, Zitat von Laurel Burch geblieben, das ich erst jetzt entdeckte:

 

„Wenn die Augen keine Tränen hätten, hätte die Seele keinen Regenbogen.“

 

    Ich bin fest überzeugt: Hinter´m Regenbogen, hinter´m Horizont, geht´s weiter ...Wir werden uns wiedersehen! Danke für alles!

 

Wir lieben Dich, Sioux!

 Sioux

1997 or 1998 (Ireland) – 17.01.2014 (Kefaloniá)

 

 

    Shortly before Christmas time of the year 2000 I found in the local newspaper “Drogheda Independent“ a big page full of advertisement from the “Drogheda Animal Rescue Center”. Different dogs – amongst them some puppies – and cats were looking for a good new home, and lovely photographs illustrated these animals. All of them looked straight into the camera, or at least their faces were clearly visible. Only one of them seemed to turn away from the camera and obviously tried to flee the scene. A human hand, also visible in the photo, kept her calm enough to produce the picture, but the face of the animal was not really recognizable. 

 

    The text below the photo read: „SIOUX – 3 year old female spayed collie is a long term resident and would love a home of her own.

 

    I didn’t have to look twice; I knew immediately: This is my dog! She belongs with me!

    When we met for the first time, two things were obvious: Sioux had some problems, but nothing that couldn’t be worked out; but most important, she had a good soul. On the 7th of December 2000 we moved into our newly rented house in Laytown, and on the next day Sioux moved in with us. 

    It was a case of big luck. Sioux became my animal soul mate. She was always by my side, always in my vicinity, if possible, and she absolutely knew how to behave. She did not like very much to go to Pubs, and therefore she was much more sensible than a lot of people. From now on we were only known as a team. So much so, that in case I was seen walking alone through the village, people asked very concerned if there was anything wrong with Sioux …. 

    Only the many growths and lumps, especially a couple of big lipomas, have always been a big concern and lead to some surgical procedures. I always feared, I would loose my dog early in her life to that, but thanks God, they all have been benign. Once a lady vet said to me, I should accept that Sioux is simply a lovely „lumpy dog“.

  

 We’ve had a happy life together in Laytown, and in addition her later life even got European dimensions. In the late summer months of 2010 she accompanied me on our big move from Ireland to Greece. That was a tour of 123 hours and approximately 3400 km from one end of Europe to the other …

    Sioux saw it all! Drizzle in Dublin and wind in Wales; she smelled new scents in Newcastle, strolled through London suburban parks, saw Dover and Calais, rested near Reims in France, and travelled through tunnels underneath the Alps. She not only barked but also embarked in Italy’s Brindisi, and was a patient and very clean ship’s passenger-dog during a 20-hour ferryboat-trip and, after that, had a seemingly endless piss-stop in Patras. She was the best travel companion one can imagine.

    And she was loved by human beings, other dogs and even cats.

    Her initial problems had been sorted out in the very first years in Laytown. But for the reminder of her life she never really liked too much to be in a car or to be photographed. Nevertheless, she enjoyed the beaches of Kefaloniá and, from the car window, the view from the panoramic road over Argostóli Bay. And, thanks to her, we have some wonderful photos and some more videos to enjoy.

    Who says you can’t teach an old dog new tricks?

Way up to her high age she was keen to learn new things. In her last months she also learned to accept help and support from an unlikely ally: Sheila, one of our cats, was always by her side at every walk, and comforted Sioux with soft tail strokes. And so, after a while, nearly all of the stray cats in our garden did.

    Towards the end, approximately 15 years old, she had within 8 months several „strokes“, even if that is not quite the correct medical term for what is known as vestibular syndrome. After her second VS episode she was very quickly on her paws again and was allowed to enjoy a quite normal life for another four months. And even after the third VS, when she became very ill and frail, she didn’t give in. Only six days later she began to insist on her old routine, including a daily stroll – slowly but surely – around the block.

    For us that made her a little hero. As her name suggests: A genuine Red Indian knows no pain! And Sioux insisted to do things the way she wanted! Therefore she proved any and every given negative prognosis wrong. She lived as long as she wanted!

    And to me, always being in a rush, she gave a lesson about the value of slowness, the beauty of the moment and a deep feeling of trust into allowing things to happen; a profound sense of inner space, peace and togetherness.

    Her last year, although filled with some limitation, was perhaps the most happy and intensive time.

    When Sioux finally had to go, I became aware of the fact that for this year’s diary I’ve picked one with a cover by Laurel Burch, which shows a woman’s face with tears running down. But only now I’ve discovered a little inscription by the Artist, which reads:

 

“The Soul would have no Rainbow if the Eyes had no Tears.”

 

I am convinced: life and love goes on beyond the rainbow …

 

 

Thanks for everything! We will meet again!

We love you, Sioux!

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